St. Georg Klosterkirche Lippoldsberg

 

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Klosterkirche Lippoldsberg

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Obertonmusik

Wer Ohren hat zu hören

Obertöne - ein Klangerlebnis im heiligen Raum

Nach einem heißen Tag ist es innerhalb der dicken Kirchenmauern angenehm kühl. Dämmerung breitet sich beruhigend über die etwa 80 Besucherinnen und Besucher, die sich zu einem besonderen Musikereignis in der Lippoldsberger Klosterbasilika eingefunden haben. Am Altar werden die Kerzen entzündet, aber von dem angekündigten Obertonkünstler Reinhard Schimmelpfeng ist nichts zu sehen.

Von irgendwoher wehen Töne heran, streichen durch die Gänge und Bögen der alten Klosterkirche - wie ein Wehen, ein Hauchen, ein Pfeifen. Erst allmählich schält sich eine menschliche Stimme heraus, immer stärker werdend. Schließlich tritt auch der Sänger sichtbar in den Chorraum ein.

Klangbeispiel: Obertongesang

Reinhard Schimmelpfeng - Kleine Tambura

  

Kleine Tambura

Die Töne, die der Bremer Kirchenmusiker seiner Kehle entlockt, wirken archaisch. Selten folgen sie einer erkennbaren Melodie; sie stehen einfach im Raum, verändern sich aus sich selbst heraus, entwickeln sich. Auch wenn man zuweilen Anklänge an die großen christlichen Mantren (Kyrie, Halleluja, Amen ...) zu erkennen meint, sind es doch Klänge ohne Worte.

Auf einmal wird es hörbar: Über dem Grundton, den der Sänger anstimmt, erscheint irgendwo hoch in den Gewölben der Basilika ein zweiter, sehr viel hellerer Ton. Seltsam überirdische Klänge, wie eine himmlische Musik. Schwer zu erfassen für unsere Ohren. Aber man ahnt, warum dieses Konzert in einer Kirche stattfindet: Einem Haus, das gebaut wurde, um dem ganz Anderen, dem Fremden, dem Unerhörten Raum zu geben. Veni Creator Spiritus - Komm, Schöpfer Geist.

Es besteht jedoch kein Grund zu übertriebener Mystifizierung. Auch Gottes Geist bedient sich meist der physikalischen Gesetze. Und Obertöne sind ein ganz alltägliches Phänomen. Immer wenn ein Ton erklingt, schwingen jeweils andere, höhere Töne mit. Über einem einzelnen Basiston kann man bis zu vierzig dieser sogenannten Obertöne nachweisen. Nur hören kann man sie meist nicht. Weil unser Ohr nicht darauf geschult ist, so viele feine Schwingungen nebeneinander zu registrieren. Wir nehmen nur den Gesamtklang wahr. Ein Obertonsänger filtert nun durch besondere Mundstellungen die meisten dieser Töne aus, bis nur einige wenige Obertöne bleiben, die dann besonders klar hervortreten. Ein Vorgang, vergleichbar der optischen Wirkung eines Prismas, das das weiße Licht, in dem alle Wellenlängen enthalten sind, so aufspaltet, dass die verschiedenen Farben sichtbar werden.

Klangbeispiel: Windharfe

  

Windharfe

  

Während man in der westlichen Welt seit dem Mittelalter den Obertönen kaum Aufmerksamkeit schenkte, spielen sie in fast allen anderen Musikkulturen der Welt eine wichtige Rolle. In vielen Ländern wurden besondere Instrumente entwickelt, die das Spektrum der Obertöne stärker zum Klingen bringen.

Schimmelpfeng präsentierte in Lippoldsberg auch eine Reihe dieser exotisch anmutenden, obertonreichen Instrumente: den Symphonic-Gong, die indische Tambura, einen afrikanischen Schwirrbogen, das Didgeridoo der australischen Ureinwohner, die chinesische Windharfe, eine slowakische Obertonflöte und - als augenzwinkernde Zugabe - eine Maultrommel.

Klangbeispiel: Mundbogen

 

Reinhard Schimmelpfeng - Symphonium

  
 

Symphonion

Reinhard Schimmelpfeng, 1952 geboren und klassisch an Klavier, Orgel und Trompete ausgebildet, hat sich in seinen Kompositionen und Improvisationen ganz der facettenreiche Klangwelt der Obertöne verschrieben. Er nimmt damit eine Entwicklung auf, die in den letzten drei Jahrzehnten im Zeichen der New-Age-Bewegung in der westlichen Welt angewachsen ist. Er versteht sich aber nicht als Esoteriker, sondern als Musiker und bleibt nüchtern, wenn andere der Obertonmusik eine heilsame Wirkung zuschreiben. Da Obertonschwingungen bei jeder Art von Musik auftreten, ist in Bezug auf eine besondere "Heilkraft der Obertöne" sicher gesunde Skepsis angebracht.

Tatsache hingegen ist, dass obertonreiche Musik oft gerade bei religiösen Zeremonien besonders geschätzt wird: in den Klanggebeten tibetischer Mönche, bei zen-buddhistischen Ritualen, den Klangreisen australischer Aborigines ebenso wie in den gregorianischen Gesängen des christlichen Mittelalters.

Die besondere Wirkung obertonreicher Musik besteht darin, dass sie ein ganz bestimmtes, aktives Hörverhalten hervorbringt. Diese Klänge sind nicht für den Konsum nebenbei eignet, sondern fordern und erzeugen jene Achtsamkeit, die die Grundhaltung jeder Meditation ist. Die Veranstaltung in der Klosterkirche war insofern weniger ein Konzert im klassischen Sinn als eine Hörschule oder eine Meditationsübung.

Der Künstler bedankte sich denn auch am Ende des Konzerts bei seinen konzentrierten Zuhörern - ebenso wie bei den alten Bögen und Gewölben, die auf ihre Weise zur Entfaltung des Klangs beigetragen haben.

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