St. Georg Klosterkirche Lippoldsberg

 

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Lippoldsberger Lobgesang - Adventsmusik

Textheft und Sprechertexte

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!
Singet dem HERRN ein neues Lied!
Lobet ihn mit Posaunen,
lobet ihn mit Psalter und Harfen!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!
Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!

Worte, vor 3000 Jahren niedergeschrieben in den Psalmen Israels. Sie zeugen davon, dass Menschen seit jeher mit ihrer Musik vor Gott traten.

Sie klagten ihr Leid: Aus tiefer Not schrei ich zu dir..
Baten Gott um Hilfe: Verleih uns Frieden...
Dankten ihm für's tägliche Brot: Nun danket alle Gott...
Oder sangen sein Lob: Nun lob, mein Seel', den Herren...

All das fließt zusammen im großen Lobgesang: Die Höhen, die Tiefen, Licht und Schatten, der ganze Reigen des Lebens.

Der große Lobgesang ist nie zu Ende. Er wandelt sich im Fluss der Zeiten. Seit mehr als 800 Jahren erklingt Gesang in diesem Gotteshaus. Und immer wieder haben neue Entdeckungen und Erkenntnisse Neue Töne, Worte und Melodien hervorgebracht.

Dankmar Venus und Waldemar Rumpf die Instrumentalisten, Sängerinnen und Sänger der Kantorei werden uns mitnehmen auf eine Reise durch diese acht Jahrhunderte vom Jahr 1200 an bis in die Gegenwart. In heute entstandenen Kompositionen - Empathien genannt - wollen wir uns einfühlen in die Musik der Menschen vergangener Zeiten.

Zeitwanderung in das Mittelalter (zwischen 1200 und 1300)

Es ist die Zeit des Mittelalters. Ganz Europa ist von der Macht der Kirche geprägt. Bauwerke - wie dieses - zeugen von einer Ordnung, in der alles seinen festen Platz hat. Und doch lebt die mittelalterliche Welt auch am Rande des Chaos. Unrecht und Gewalt, Kriege und Kreuzzüge, Missernten und Pest machen das Leben oftmals zur Hölle.

So bitten die Menschen schon damals: Kyrie eleison!
Und sie preisen Gott: Gloria in excelsis Deo!

Lippoldsberger Evangeliar - Dedikationsbild
Lippoldsberger Evangeliar - Dedikationsbild

Empathie la
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison
(für Solostimme und vierstimmigen Chor)

Empathie lb
Gloria in excelsis Deo et in terra pax, hominibus bonae voluntatis.
Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam. Amen.
(für Solostimme und vierstimmigen Chor)

Zeitwanderung in die Renaissance (um 1550)

Neues Denken, Licht und Schönheit. Das 16. Jahrhundert. Die Wiederentdeckung der antiken Welt vertreibt die Schatten des Mittelalters. Die Reformation tut das Ihrige dazu: Klöster - nicht nur in Lippoldsberg - werden aufgelöst. Die Zentren des Geistes sind jetzt die Universitäten.

Eine neue Zeit hebt an: Kolumbus bahnt den Weg nach Amerika, Kopernikus greift nach den Sternen, Leonardo da Vinci entwirft ein anderes Bild des Menschen.

Auch die Musik klingt - wie neugeboren - Renaissance.

Leonardo da Vincis Menschenbild
Leonardo da Vincis Menschenbild

Empathie 2a
Verleih uns Frieden, end' allen Streit und Krieg hienieden.
Lass doch auf Erden schon jetzt
dein Reich der Liebe und der Güte werden.
Hör' unser Klagen.
Hilf, dass auch m schweren Tagen
Wir nicht verzweifeln, nicht verzagen.
Gib uns, o Herr, hienieden,
gib aller Welt und meiner Seele Frieden.
(für Sopransolo und Streichquartett)

Empathie 2b
Nun danke Gott, dem Herren, alle Welt und preiset seinen Namen
Von nun an bis in Ewigkeit. Amen
(Motette für vierstimmigen kleinen Chor)

Zeitwanderung in den Frühbarock (um 1650)

Wir sind in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Dreißig Jahre Krieg. Auch als die Kämpfe endlich vorüber sind, liegt das Land noch lange wüst und brach. Not herrscht allenthalben. Aber es gibt auch andere Töne. Carpe diem! Nutze den Tag! (Genieße! - vielleicht bist du morgen schon tot.) Den Zerstörungen zum Trotz entfaltet der Frühbarock seine Lebenslust.

Auch die Musik hat zwei Seiten. Sie kennt das schlichte, einstimmige Lied und Chöre von unerhörter Klangpracht.

Carpe Diem
Carpe Diem

Empathie 3a:
Herr, wenn du bei mir bist, weichen Angst und alle Sorgen
Herr, wenn du bei mir bist, denk ich nicht an morgen.
Lass deiner Sonne Licht, nicht aus meinem Herzen schwinden.
Herr, Gott, ich suche dich! Hilf, dass ich dich kann finden.
Hilf du, Herr Jesu Christ, stärke Glauben und Vertrauen
Hilf du, Herr Jesu Christ, auf dein Wort will ich bauen.
Wollest mir Mut und Kraft auch in schweren Zeiten geben.
Dass ich mit dir den Weg, geh zum ew'gen Leben.
Komm. Tröster, Heilger Geist, heile alle unsre Wunden,
Durch dich, durch dich allein können wir gesunden.
Lass deiner Liebe Kraft groß in uns'ren Herzen werden,
Dass wir dir Helfer sind für den Fried' auf Erden.
(für Baritonsolo und Orgel)

Empathie 3b:
Singet dem Herren, singet dem Herrn ein neues Lied.
Denn er tut Wunder. Singet dem Herrn ein neues Lied.
Und alle Ströme sollen frohlocken.
Singet dem Herrn ein neues Lied.
Und die Berge seien fröhlich. Singet dem Herrn ein neues Lied. Amen.
(für Streicher, Blechbläser und vierstimmigen Chor)

Zeitwanderung in den späten Barock (um 1720)

80 Jahre später ist die Wildheit des frühen Barock gezähmt. Der Absolutismus - wie in Preußen - bedeutet Unterdrückung, sorgt aber zumindest für geordnete Verhältnisse. In der Renaissance hatte ein neuer Geist die Welt erobert. Nun machen sich Ingenieure daran, eine neue Welt zu bauen. Ihr neuer Glaube ist die Vernunft.

Musikalisch ist es die Zeit von Bach und Händel. Alles, was bisher war, fließt jetzt zusammen. Die Menschen klagen "Aus tiefer Not" und loben Gott "… den mächtigen König der Ehren."

Adolph von Menzel - Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci
Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci
Adolph von Menzel

Empathie 4a:
Aus tiefer Not schrei ich zu dir. Ach, Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohren kehr zu mir und meiner Bitt' sie öffne.
Denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht hat getan,
Wer kann, Herr, vor dir bleiben?
(für 4 stimmigen kleinen Chor)

Empathie 4b:
Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.
Meine geliebete Seele das ist mein Begehren.
Kommet zu Hauf, Psalter und Harfe wacht auf!
Lasset den Lobgesang hören.
(für vierstimmigen Chor, Oboen und Streicher)

Zeitwanderung in die Klassik (um 1800)

Revolution! Von Frankreich aus geht um 1800 ein Ruf nach Freiheit durch die Welt. Obwohl der Massenaufstand die Ketten sprengt, gerät das Volk schnell wieder in neue Sklaverei. Dennoch wird eines bleiben: Die Entdeckung der Würde des Einzelnen.

Auch in der Musik meldet sich das Ich zu Wort. Die Klassik feiert das Genie, das unverwechselbare Individuum. Der freie Geist kennt Gesetze, er schätzt sie, aber er wagt auch, sie zu brechen.

Adolph von Menzel - Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci
Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci

Empathie 5a
An dir allein, hab ich gesündigt und Übel oft vor dir getan.
Du siehst die Schuld, die mir den Fluch verkündigt,
sieh' du auch meinen Jammer an.
Dir ist mein Flehn, mein Seufzen nicht verborgen
und meine Tränen sind bei dir.
Ach, Gott, wie lange soll ich sorgen?
Wie lang entfernst du dich von mir?
Herr, handle nicht mit mir nach meinen Sünden,
vergilt mir nicht nach meiner Schuld.
Ich suche dich. Lass mich dein Antlitz finden.
Du Gott der Langmut und Geduld. (Gellert)
(Für Sopransolo und Klavier)

Empathie 5b:
Gloria in excelsis Deo, et in terra pax
Hominibus bonae voluntatis.
(für Solosopran, Chor und Streicher)

Zeitwanderung in die Romantik (um 1850)

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nur träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus.

Nicht mehr Vernunft und Geist, sondern Seele und Gefühl beherrschen die Epoche der Romantik. Während im 19. Jahrhundert erste Fabriken entstehen, träumen sich die Poeten in eine unberührte Natur. Nicht im künstlich Geplanten, sondern im natürlich Gewordenen entdecken sie den Widerschein des Lebens. Bilder voller Kraft aber immer umweht vom Hauch der Vergänglichkeit.

Kreidefelsen auf Rügen - Caspar David Friedrich
Kreidefelsen auf Rügen - Caspar David Friedrich

Empathie 6a:
Großer Gott, wir loben dich,
Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich
Und bewundert deine Werke.
Wie es war vor aller Zeit
So auch in der Ewigkeit.
(Choral für Blechbläser)

Empathie 6b:
Gib, Herr, dass ich auf dich schaue, sei der Fels auf dem ich steh,
sei das Wort, auf das ich baue und der Stab, an dem ich geh'.
Stärke, Herr, mir meinen Glauben,
wenn mich Angst bedrängt und Not,
Lass den Zweifel mir nicht rauben mein Vertrauen zu dir, Gott!
Ohne dich blieb mir verborgen meines Lebens Sinn und Ziel
Und ich wäre voller Sorgen eines blinden Zufalls Spiel.
Darum lass mich hoffend wallen meinen Lebenspfad dahin,
bis die Abendglocken schallen und daheim, und daheim ich bin. Amen.
(für vierstimmigen Chor a capella)

Zeitwanderung in das 20. Jahrhundert (um 1920)

1920! Die Zeitabstände werden kürzer. Alles verändert sich - schneller. Mit dem Ende des ersten Weltkriegs sind die bisherigen Ordnungen zerbrochen. Es muss sich etwas ändern! Es gibt gute Ansätze, aber niemand weiß wirklich, was werden soll. Das Land ist von Spannungen zerrissen. Gegensätzliche Kräfte prallen aufeinander. Sie finden ihren Ausdruck auch in den Dissonanzen der Musik.

Leninplakat - 1920
Leninplakat - 1920

Empathie 7 a:
Erhalt uns Herr bei deinem Wort
Und steure deiner Feinde Mord,
die Jesum Christum ,deinen Sohn,
wollen stürzen von seinem Thron.
(für Streichquartett, Melodie in der Cellostimme, zwölftönig)

Empathie 7 b:
Also hat Gott die Welt geliebet, dass er seinen eingeborenen
Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben. Amen.
(Motette für vierstimmigen Chor mit Streichern)

Zeitwanderung in die Gegenwart (2000)

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts. Hinter uns Jahrzehnte, in denen sich die Welt mehr verändert hat als je zuvor. Wir wissen so viel, haben so viele Möglichkeiten. Hat es noch Sinn Gott zu loben - wo wir selbst fast wie Gott sind?

Wir machen eine seltsame Erfahrung: Fast alles ist machbar, aber zugleich sind wir ohnmächtig. Trotz einer Überfülle an Lebensmitteln verhungern noch immer Menschen. Unser reiches Land, in dem so viel produziert wird, kann nicht mehr allen Menschen Arbeit geben. Naturkatastrophen lassen uns unsere Grenzen spüren. Bei technischen Errungenschaften wird ein Schatten sichtbar: Was Segen sein könnte, wandelt sich in Fluch.

Aber auch wir bleiben Menschen mit Klagen und Bitten. Und wir kennen Freude und Dankbarkeit für das wunderbare Geschenk des Lebens. Im Schlusschor klingen unsere Irrungen, Zweifel und Nöte an. Und doch endet er mutvoll:

Unser Leben sei ein Lobgesang!

Computer-Kids - 2004
Computer-Kids - 2004

Schlusschor:
Alles, was Odem hat lo-, lo-, lo-, lo-....
Können wir Gott heut noch loben?
Loben wir Gott oder andere Götter?
Können wir nur noch unseren Reichtum, unsern Konsum
Und immer mehr Genuss loben?
Wie können wir loben in einer Welt voller Krieg?
Wie können wir loben in einer Welt voller Einsamkeit?
Wie können wir loben in einer Welt voller Hass?

Aber ist es nicht wunderbar,
dass es nicht nur Dunkel gibt, sondern auch Licht?
Dass es nicht nur Tod gibt, sondern auch Leben?
Aber ist es nicht wunderbar,
dass es nicht nur Krieg und Hass gibt?
Sondern auch Frieden, Vergebung und Liebe?
Darum sei unser Leben ein LOBGESANG!

[ Interview - Dankmar Venus ]

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